Sonderfahrten der Klimabahn Bremen: Was hat Bremen mit dem Klimawandel zu tun?

Was hat Bremen mit dem Klimawandel zu tun? Dieser Frage widmeten sich die Sonderfahrten der Klimabahn in Bremen am 13. März 2024. Dazu hatten die Kooperationspartner Scientists for Future Bremen, BSAG und die Agentur für Wissenschaftskommunikation (awk/jk) ein eigenes Konzept entwickelt: Im Zentrum standen sogenannte Klimaorte in Bremen, die Stichworte für Kurzvorträge der zwei Moderatoren in der Bahn lieferten. Gäste waren Schüler:innen und Lehrkräfte aus verschiedenen Schulen in Stadtteilen entlang der Routen, die an festgelegten Haltestellen ein- und aussteigen konnten.  Am Vormittag fuhr die Bahn dreimal über einen Rundkurs auf den Strecken parallel zur Weser. Am Nachmittag drehte sie zwei Runden im regulären Betrieb der Linie 6 zwischen Universität und Flughafen. Während der kostenlosen Fahrt hörten die Fahrgäste Geschichten zu den Klimaorten entlang der Linie 6.

Erster Klimaort war die Straßenbahn selbst. Die Erklärung der Blau-Roten Streifen führte auf die weltweite Temperaturerhöhung, verursacht durch Treibhausgase, mit besonderem Augenmerk auf das langlebige Kohlenstoffdioxid (CO2). Seit Beginn der industriellen Revolution hat die Menge dieses Gases in der Atmosphäre durch Verbrennung der fossilen Energieträger Kohle, Öl und Gas enorm zugenommen und ist Haupttreiber der Erderwärmung.

Ein Blick aus der Straßenbahn auf die vielen parkenden und fahrenden Autos zeigte eine der Ursachen. Ein großer Teil des CO2 Ausstoßes wird durch unsere Autos mit Verbrennungsmotoren verursacht. Die Straßen sind gesäumt von Gebäuden, deren Heizungen hauptsächlich noch mit Verbrennung fossiler Brennstoffe funktionieren. Kurz nach der Wendeschleife am Depot in Gröpelingen konnte man in der Ferne an der Weser das Stahlwerk sehen, dem Ort, an dem zehn Prozent des Stahls in Deutschland produziert werden, hauptsächlich Stahl für die Automobilindustrie. Das gab Gelegenheit für einen Blick auf die Zahlen: 2022 wurden in Bremen etwa 9 Millionen Tonnen CO2 ausgestoßen, davon im Stahlwerk 4 Millionen Tonnen, im Verkehr 1,2 Millionen Tonnen und durch private Haushalte, Gewerbe und Dienstleistungen etwa 2 Millionen Tonnen.

Der überwiegende Teil des Restes entfiel 2022 noch auf die Erzeugung von Strom in Kohle- und Gaskraftwerken, von dem auch ein Teil in das Umland exportiert wurde. Etwa die Hälfte der CO2 Emissionen gehen auf das Konto der Energieerzeugung, Heizung und Mobilität, die andere Hälfte in die Produktion von Stahl und hierbei ein Großteil in die Reduktionsprozesse bei der Gewinnung von Rohstahl aus Eisenerz.

Die Schüler:innen diskutierten, was man tun kann, um die Situation zu verbessern. Weniger Autos in der Stadt, Verbesserung des öffentlichen Nahverkehrs, Dämmung der Gebäude und Nutzung von Fernwärme und effiziente Wärmepumpen und Photovoltaikanlagen auf Dächern zur Stromerzeugung waren die Stichworte. Für das Stahlwerk ist technisch eine Umstellung des Prozesses möglich, bei dem grüner Wasserstoff an Stelle von Koks zur Reduktion verwendet wird.

Die weitere Fahrt führte am Hafen vorbei. Dort waren die weltweite Schifffahrt und deren Emissionen ein Thema. Aber auch ein Blick in die Kolonialzeit wurde durch zwei weitere Klimaorte angeregt: Speicher XI im Hafen und später auf der Strecke die Baumwollbörse. Bremen war einer der größten Baumwollhäfen des Kontinents. Ein großer Teil des Reichtums der Stadt wurde mit dem Bauwollhandel verdient. Interessant ist dieses Thema mit Blick auf die Kolonialzeit und den Beginn der industriellen Revolution, ausgelöst durch die Mechanisierung der Herstellung von Bauwollgewebe. In dieser Zeit sind die kolonial-fossilen Strukturen und Mechanismen entstanden, die heute in die Klimakrise führen. Die Baumwolle leitete uns zur Mode.

Am nächsten Klimaort, einem Einkaufspark auf einem ehemaligen Werftgelände, wurde das Thema Fast Fashion virulent. Der schnelle Verbrauch von Kleidung erzeugt einen erheblichen Teil der Treibhausgase. Durch die Herstellung eines Baumwoll-T-Shirts entstehen sieben bis neun Kilogramm CO2, etwa 26 kg pro Kilogramm Bauwollgewebe. Die Verbrennung von einem Liter Benzin erzeugt nur 1/10 davon.

Die Linie 6 brachte uns an einem Ende zum Flughafen und zu einem Flugzeugwerk. Kann man in Zukunft klimaneutral fliegen? Dieser Frage stellt man sich in den Entwicklungsabteilungen des Flugzeugbauers. Bei der Überquerung der Weser sah man die Deiche, welche die Bremer Neustadt und die umliegenden Stadtteile vor Hochwasser schützen. Sie müssen auf Grund des Meeresspiegelanstiegs erhöht werden. Hier gibt es einen Zielkonflikt zwischen dem Erhalt schöner, alter Platanen und der Notwendigkeit der Deicherhöhung. 

Entlang der Linie 6 konnte man später an einer Baustelle auch einen Blick auf die dicken Rohre für eine neue, emissionsärmere und effizientere Fernwärmeversorgung werfen. Durch Fernwärme sollen die lokalen Öl- und Gasheizungen in den Häusern ersetzt werden. Am anderen Ende der Linie 6 wendete die Straßenbahn an der Universität. Dort befassen sich verschiedene Institute mit klimarelevanten Fragestellungen in der Meeresforschung, der Werkstoffentwicklung, bei der Erfassung von Umweltdaten und Forschungen zur sozial-ökologischen Transformation. Ein Blick über die Autobahn an der Wendeschleife erinnerte daran, dass die Trockenlegung der Moore nördlich von Bremen eine weitere CO2 Quelle erzeugt hat, aus der jedes Jahr mehrere hunderttausend Tonnen emittiert werden.

Diese und weitere Geschichten wurden durch die Klimaorte in Bremen angeregt und in der Straßenbahn erzählt. Die Aufgabe, vor der wir stehen, ist riesig. Es gibt viele technische Lösungsmöglichkeiten. Wir sind aber zu langsam und ohne Eingriffe in unsere Gewohnheiten und ohne strukturelle Änderungen wird es nicht gehen. Wir laden zu weiteren Fahrten der Klimabahnen und -busse in Bremen und anderen Städten Deutschlands ein.

Die Klimabahn ist ein Projekt der Regionalgruppe Bremen der Scientists for Future (S4F) in Kooperation mit der Bremer Straßenbahn AG (BSAG). Die Bahn fährt seit 2021 im regulären Straßenbahnbetrieb durch Bremen und ist an den blau-roten Warming-Stripes zu erkennen. Jeder Streifen repräsentiert ein Jahr ab 1850. Das dunkelste Blau ist das kälteste Jahr und das dunkelste Rot das wärmste. Die Bahn zeigt, dass die globale Durchschnittstemperatur schnell steigt. Die Gestaltung der Bahn wurde durch Spenden finanziert. In der Bahn gibt es Informationsmaterial zum Klimawandel. Bei den vorausgehenden Sonderfahrten wurden Vorträge von Naturwissenschaftlern, Klimaforschern, Soziologen, Psychologen, Fachärzten und anderen zu Themen gehalten, die mittelbar und unmittelbar mit dem Klimawandel zu tun haben.

Text: Markus Brede