Der Bausektor ist laut Klimaforscher John Schellnhuber der „Elefant im Klimaraum“ und ein stark unterschätzter Treiber der Klimakrise: Er ist verantwortlich für rund 38 % der globalen Treibhausgasemissionen und erzeugt mehr als 35 % des gesamten Abfalls in der EU (über die Hälfte des Müllaufkommens in Deutschland). Darüber hinaus werden über 90 % der mineralischen Rohstoffe in Deutschland durch den Bau verbraucht. Sanierungen hingegen verursachen gegenüber Neubauten wesentlich weniger Emissionen (50–66 %) in der Herstellungsphase und bieten zugleich erhebliche Einsparpotenziale in der Betriebsphase. Außerdem zerstören Abriss und Neubau auch bezahlbaren Wohnraum und sorgen für einen Anstieg der Mieten um 20-30 %.
Die Betrachtung von Treibhausgasemissionen im Lebenszyklus macht deutlich, dass ein erheblicher Teil der Klimawirkung von Gebäuden nicht während ihrer Nutzung, sondern durch die „grauen Emissionen“bereits im Bau entsteht (siehe Global ABC (2021): Embodied Carbon: A hidden heavyweight for the climate). Das Renovieren von öffentlichen und privaten Gebäuden birgt deswegen ein enormes Potenzial. Das Ziel der EU, den Gebäudebestand bis 2050 zu sanieren, lässt sich in konkrete Zahlen fassen: Derzeit sind nur 25 % des europäischen Gebäudebestands renoviert. Das bedeutet, dass 75 % der Arbeit noch vor uns liegt. Derzeit liegt die jährlichen Renovierungsrate bei 1 %. Wir müssen aber die Renovierungsrate verdreifachen, um die vereinbarten Ziele zu erreichen.
Europaweit gegen Abriss und Verdrängung
Die Europäische Bürgerinitiative HouseEurope! setzt genau hier an: Sie fordert Rahmenbedingungen in der Europäischen Union, die Sanierung und Umbau gegenüber dem Abriss und Neubau erleichtern und fördern. Die Initiative will Anreize schaffen, um bestehende Gebäude zu renovieren oder umzubauen. Dadurch soll der Renovierungsmarkt angekurbelt und der Gebäudebestand aufgewertet werden. Denn, laut Adrain Nägel, Architekt und HouseEurope!-Botschafter für Deutschland, sind sich Experten einig, dass durch Sanierung und klugen Umbau genug Wohnraum geschaffen und die Klimaziele erreicht werden können (MieterMagazin2025-10). Ziel ist es, Häuser und Gemeinschaften zu erhalten, eine gerechtere und lokalere Bauwirtschaft zu schaffen, Energie und Ressourcen zu sparen und nicht zuletzt Erinnerungen unserer Baukultur zu bewahren.
Um diese Ziele zu erreichen, fordert HouseEurope! ein Recht auf die Wiederverwendung für bestehende Gebäude, das sich auf vier Säulen stützt:
I) Steuerermäßigungen für Renovierungsarbeiten und wiederverwendete Materialien
II) faire Regeln für die Begutachtung der Risiken und Potenziale bestehender Gebäude
III) neue Werte für das in Bestandsgebäuden gebundene CO2, um den vollständigen CO2-Fußabdruck von Gebäuden sichtbar zu machen.
Als Instrument der direkten Demokratie kann die Europäische Bürgerinitiative HouseEurope! neue oder verbesserte Rechtsvorschriften vorschlagen. Wenn eine Millionen EU-Bürger:innen aus mindestens sieben Ländern ein Anliegen unterstützen, muss die Europäische Kommission den Vorschlag prüfen und eine Arbeitsgruppe bilden. Durch diesen Prozess kann die Bevölkerung EU-Politik direkt mitgestalten und kritische Themen angehen.
Bis Ende Januar 2026 benötigt die Initiative 1 Million Unterschriften, um eine gesetzliche Förderung von Umbau und Sanierung auf EU-Ebene voranzubringen: zur Petition auf der Webseite der Initiative im Register der Europäischen Kommission.
„Wollen wir unsere Lebensqualität erhalten, müssen wir unseren Gebäudebestand schnell und effizient sanieren, aber nicht auf Kosten der Mietenden. HouseEurope! fordert unter anderem, die Mehrwertsteuer für alle Arbeiten und Materialien an bestehenden Gebäuden zu reduzieren. Gemeinsam mit der vom DMB und dem BUND vorgeschlagenen Änderung der Modernisierungsumlage würde dies die Kosten für Mietende deutlich senken“. (HouseEurope!-Botschafter Adrian Nägel im MieterMagazin2025-10)
Die Initiative wird von einem breiten Spektrum von Organisationen, Universitäten und mehr unterstützt, u.a. von Bauhaus der Erde (Schellnhuber). So auch von der Fachgruppe Bauen-Wohnen-Habitat von S4F. Die FG befasst sich mit Klimaschutzfragen im Kontext der gebauten Umwelt und unterstützt die for-Future Bewegung, vor allem Fridays for Future wissenschaftlich. Die FG kooperiert eng mit Architects for Future (A4F), die sich für einen nachhaltigen, klima- und sozialgerechten Wandel der Baubranche einsetzen.
Dr. Lorena Valdivia Steel, S4F FG Bauen-Wohnen-Habitat und Architects for Future.
Johanna Westermann, HouseEurope! und Architects for Future.